Die Ballade vom Kemptener Bühnenvorhang

Gerhard Köpf

Foto: Mark Noormann

Als der bereits fünfzig Jahre zählende Wertacher Maler Franz Sales Lochbihler vom Magistrat der Stadt Kempten den Auftrag erhielt, das Kemptener Theater nicht nur zu einem Rangtheater zu erweitern, sondern auch dessen Leitung auf zehn Jahre als Pachtherr zu übernehmen, stimmte er dem ehrenvollen Auftrag mit vielerlei Kratzfüßen, innerlich aber mit gemischten Gefühlen zu. Einerseits war er froh, auf diese Weise seinen notorischen finanziellen Engpass überwinden zu können, andererseits aber spürte er, dass er, der einstmals gefeierte und bestens bezahlte Hofmaler, seinen künstlerischen Zenit womöglich schon überschritten hatte. Vielleicht hatte sich das bis in die Provinz nur noch nicht herumgesprochen, vielleicht wollte das wohlhabende Bürgertum der Stadt sich nur im Glanz eines Hofmalers sonnen. Hinzu kam der tragische Umstand, dass aufgrund einer nunmehr schon Jahre zurückliegenden böswilligen Infektion das rechte Auge mehr und mehr eintrübte und er befürchten musste, über kurz oder lang das Augenlicht ganz zu verlieren. Er hatte sich das Leiden seinerzeit ausgerechnet in Kempten zugezogen.

Da Lochbihler zugleich aber auch die künstlerische Herausforderung suchte, erbot er sich, auch den Hauptvorhang des Theaters zu gestalten. Er hatte darin Erfahrung, denn er hatte schon in seiner Münchner Zeit zwei Theatervorhänge ausgearbeitet, die großen Zuspruch und viel Anerkennung gefunden hatten. Der Magistrat stimmte begeistert zu, und Lochbihler schlug vor, eine Allegorie zu schaffen: die um Apoll tanzenden Musen.

Man schrieb das Jahr 1827. Im Osten gärte eine romantisch panslawistische Bewegung, die den Zusammenschluss aller slawischer Völker anstrebte, Georg Simon Ohm fand ein Gesetz für elektrische Ströme, von dem als Quartalssäufer sattsam bekannten Dichter Grabbe erschien das Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, Schubert komponierte die „Winterreise“, John Walker erfand die Schwefelreibzündhölzer, und Beethoven starb in Wien an Leberzirrhose.

Als Lochbihler Honorarverhandlungen wegen des Bühnenvorhangs aufnahm, zeigte sich der Magistrat zugeknöpft und argumentierte, man sei ihm bei den Umbaukosten sowie dem Pachtvertrag und dem ihm anvertrauten Posten des Theaterdirektors bereits über alle Maßen entgegen gekommen. Mehr gehe nicht. Man gedenke aber, ihn großzügig mit einem Silberbecher abzufinden. Lochbihler geriet darob in großen Zorn, begann aber dennoch mit der Arbeit und ließ in Umlauf bringen, er suche gut gewachsene Töchter Kemptens, vorzugsweise aus höheren Kreisen, die ihm für die Musen Modell stehen sollten.

Der Andrang anlässlich dieses Aufrufs war so groß, dass Lochbihler fast drei Wochen benötigte, um diejenigen auszusuchen, die ihm von Wuchs, Anmut und Verstand her für die große Aufgabe geeignet erschienen. Dies war insofern keine Kleinigkeit, als sich überwiegend solche höheren Töchter beworben hatten, die alles andere als geeignet waren. Sie waren zu klein und zu rund, standen zu saftig im Futter, hatten kurze, stämmige Beine, zu stramme bäuerliche Waden, bewegten sich ungeschickt, ja hölzern, waren dumm, hatten keine Ahnung von Kunst und antiker Mythologie, wussten weder, was Musen sind, noch wer Apoll war, waren insgesamt mehr Bauerntrampel als Malermodell. Anmut und Grazie waren in Kempten von jeher nur äußerst schwer zu finden. Als Lochbihler die Mädchen an sich vorbeidefilieren ließ, musste er an seinen letzten Besuch des Palazzo Buonsignori in Siena denken: Siebenunddreißig Säle, und in jedem mindestens drei- bis viermal Madonna col bambino. Auffallend jedoch war, dass die abkonterfeiten Bauernmägde von Bild zu Bild derber, hässlicher, unansehnlicher wurden. Auch das Jesuskind schien von dieser Krankheit befallen, denn es wurde von Mal zu Mal breitschädliger, dumpfer, monströser – bis hin zum völlig verfetteten Säugling mit widerlichen Wurstfingern. Offenbar hatten sich auch hier die Maler mit Modellen aus der näheren Umgebung zufrieden geben müssen.

Schließlich entschied sich Lochbihler für neun Mädchen, die gerade einmal die allernötigsten Grundvoraussetzungen mitbrachten. Es waren die beiden Töchter des Bürgermeisters, eine Majorstochter, die junge Frau eines Zeichenlehrers sowie die weiblichen Nachkommen einiger Ratsherren und Kaufleute, unter denen sogleich ein heftiger Streit darüber ausbrach, wer denn nun Klio, wer Melpomene, wer Terpsichore, Thalia, Euterpe, Erato, Urania, Polyhymnia, Kalliope verkörpern dürfe. Um die für die Kemptener Töchter viel zu komplizierten Namen auseinanderhalten zu können, riet Lochbihler zu der alten Eselsbrücke KLIOMETERTHAL EUER URPOKAL. Die Mädchen verstanden jedoch kein Wort, standen bloß dumm und krummbeinig da und glotzten kuhäugig. Die restlichen Bewerberinnen schickte der Künstler nach Hause und löste dadurch viel Gezeter und hysterisches Geschrei aus. Diejenigen aber, die bleiben durften, behängte er mit allerlei Schleiern, schickte sie zum Friseur und ließ ihnen historische Kostüme schneidern, von denen er glaubte, sie seien den allegorischen Musen angemessen. Außer seinen wenigen Gehilfen, die er auf äußerste Verschwiegenheit und Geheimhaltung einschwor, durfte von nun an niemand mehr sein Atelier betreten, und er begann mit den ersten Skizzen. Er malte ein Ölbild und kupferte dabei aus dem Gedächtnis fleißig bei Giulio Romanos Werk Apollo im Tanz mit den Musen ab, verzichtete aber auf Apollos Bewaffnung, indes er sich in Kopf- und Fußhaltung der Modelle ganz an seinem Vorbild orientierte. Namensbänder schienen ihm bei den ungebildeten Kemptenern ohnehin überflüssig. Dafür machte er Zugeständnisse an die zeitgenössische Mode bei den Frisuren. Die antikisierenden Haarkränze wichen biedermeierlichem Putz. Schon bald stellte sich heraus, dass er im Grunde genommen bei all den Musen, die er nun entwarf und langsam ausgestaltete, immer nur eine Frau vor Augen hatte: seine eigene. Er erinnerte sich ihrer hinreißend geschwungenen Beine, ihrer verlockenden Hüften, ihres klassizistisch hohen Busens, ihres wie Pusztagras wallenden Haares, ihres ungarischen Temperaments, ihrer anmutig gleitenden Bewegungen, ihrer kaskadenhaften Gesten, ihrer elfenbeinernen Arme, ihrer flimmernd-glimmenden Augen, ihres Schwanenhalses und ihres verführerischen Kussmundes mit den aufgeworfenen Lippen. Frei und heiter zeigte sich ihres Kopfes liebliches Eirund. Nach diesen Vorgaben malte er, mit dem Pinsel gewissermaßen das Hohelied Salomonis zitierend, alle seine Musen – und für den Apoll nahm er sich in aller Bescheidenheit selbst als Modell, wie er sich als Jüngling imaginierte. Erotik ist ja bekanntlich eine Angelegenheit, die sich hauptsächlich im Kopf abspielt, und selige Erinnerungen verklären immer.

Je länger die Arbeiten Lochbihlers dauerten, desto neugieriger wurden die Mädchen, die hin und wieder ein kleines Detail des entstehenden Kunstwerkes sehen durften. Eines Nachmittags verlangte Lochbihler von ihnen, dass sie sich bis auf wenige durchsichtige Schleier nackt zeigten und begründete dies wortreich mit künstlerischer Notwendigkeit. Doch was er da zu sehen bekam, animierte ihn nicht zum Weitermachen. Er verlor in diesem Augenblick sämtliches erotisches Interesse und hatte überhaupt keine Lust mehr. Keine einzige der Kemptener Töchter war eine Sünde wert, geschweige denn alle neune. Was er da erblickte, war schlicht zu viel für einen 50jährigen, der auf dem rechten Auge fast blind war.

Lochbihler überlegte: Zum einen waren ihm sämtliche Töchter nicht hübsch genug, zum anderen aber wollte er, dass sie überall herumerzählten, er habe sie nackt gemalt. Er wusste, dass sie den Mund nicht würden halten können und damit angeben wollten. Zwar ging ihm das ständige Geschnatter der Kemptener Gänse entsetzlich auf die Nerven, andererseits sorgte es für die Verbreitung der Fama von den nackten Tatsachen. Auf diese Weise würde er sich am Bürgermeister und den Ratsherren rächen, die ihm das zustehende Honorar für seine Kunst verweigert hatten, und die Leute würden in sein Theater strömen. Zuletzt aber verwies er die ständig schwatzenden Pseudo-Musen des Ateliers und rief ihnen Lessings Worte hinterher: „Die Musen verlangen Einsamkeit, und nichts verjagt sie eher als der Tumult.“

Es kam, wie Lochbihler es vorausgeahnt hatte. Seine Rechnung ging auf. Die Eröffnung des Theaters sowie die Einweihung des neuen großen Hauptvorhanges waren ein rauschender Erfolg. Die Bürger Kemptens drängten herbei, um die Töchter der Ratsherren nackt zu sehen. Natürlich gaben sie vor, sie schauten ausschließlich aus künstlerischer Neugier und kulturellem Interesse so genau auf den Vorhang. Der Klerus rümpfte erwartungsgemäß die Nasen. Da Lochbihler aber die Gesichter seiner Musen wegen ihrer Hässlichkeit eher unscharf, im Halbprofil, ganz weggedreht oder irgendwie verschwommen und undeutlich gemalt hatte, konnten die Kemptener nicht so recht erkennen, wer da halbnackt abgebildet worden war. Sie mussten mit Waden, Knien und Schenkeln vorlieb nehmen, und waren zuletzt enttäuscht, wenngleich sie sich dies niemals hätten anmerken lassen. Nur den Grünten im Hintergrund erkannte jeder auf Anhieb. Außerdem hatte der Vorhang den Nachteil, dass er sich bald öffnete und himmelwärts entschwand.

Lochbihler rieb sich die Hände und triumphierte innerlich, hatte aber die Rechnung ohne die Kemptener Pfeffersäcke gemacht, die rasch den Braten rochen und anfingen, ihn wegen der nackt gemalten Töchter hier und dort ein wenig zu sekieren, ihn zu schikanieren und zu vergraulen. Auf einmal waren seine Umbaupläne zu weitreichend, ja zu umstürzlerisch. Nicht einmal ein Besuch des kunstsinnigen Monarchen Ludwig I. konnte die gereizte Lage entspannen. Die Kemptener begannen, Lochbihler Prügel zwischen die Beine zu werfen, seinen guten Ruf in den Schmutz zu ziehen, ihm zuerst mit Kleinigkeiten, schließlich mit beträchtlichen Vorhaltungen, gar der Androhung juristischer Konsequenzen das Leben derart sauer zu machen, dass er den Pachtvertrag schon nach vier Jahren wieder löste, die künstlerische Leitung des Theaters niederlegte, sich ausbezahlen ließ und sich mit seiner Frau in seinen Geburtsort Wertach zurückzog.

Nach angemessener Zeit versuchte der Künstler ob seiner finanziellen Sorgen noch einmal, sich mit den Kemptenern auszusöhnen. Er schenkte ihnen ein Monumentalgemälde des Heinrich von Kempten, des Helden aus Meister Konrad von Würzburgs gleichnamiger mittelalterlicher Versnovelle. Das Bild war fast so groß wie der umstrittene Hauptvorhang, doch diesmal kritisierten der Magistrat, die Bürger und die Pfaffen, es sei ja schon wieder ein Nackter zu sehen, man frage sich entrüstet, ob der Lochbihler denn gar nichts anderes könne als immer nur solche Sauereien.

Zu allem Unheil erkrankte seine Ungarin schwer und wurde pflegebedürftig. Er blieb bei ihr, bis sie in seinen Armen starb. Danach zog es Franz Sales Lochbihler wieder nach München, wo er vergeblich versuchte, an seine alten Erfolge anzuknüpfen. Doch der Geschmack der Zeit hatte sich gewandelt. Enttäuscht von den Menschen und vom Leben zog er sich zurück und starb im damals hohen Alter von 77 Jahren. Der Kemptner Theatervorhang aber hängt noch immer und gilt heute als eines von Lochbihlers Hauptwerken. Allerdings war den verklemmten Kemptenern die Darstellung der Musen schon bald zu frivol. Mehrfach mussten im Laufe der Zeit die Röcke länger gemalt werden. Man fand die Mädchen doch allzu leicht geschürzt und zu anstößig dargestellt. Sie fielen dem zum Opfer, was man heute als political correctness bezeichnet, die aber nichts anderes ist als der Heiligenschein der Scheinheiligen.

Gerhard Köpf, geb. 19.9.1948 in Pfronten / Allgäu als Sohn eines Landbriefträgers, ist ein deutscher Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Nach dem Abitur in Füssen studierte ab 1968 u.a. Germanistik an der Universität München. 1974 Promotion zum Doktor der Philosophie, 1984 Berufung zum Professor für Gegenwartsliteratur und angewandte Literaturwissenschaft an der Universität-Gesamthochschule Duisburg, vielfache Auslandstätigkeit im Auftrag des Goethe-Instituts.

Der Autor Gerhard Köpf wurde bekannt durch eine Reihe von Romanen, die in der imaginären Allgäuer Stadt Thulsern spielen. Sein literarisches Werk ist in acht Sprachen übersetzt.

Auszeichnungen: 1983 Preis der Klagenfurter Jury beim Ingeborg-Bachmann-Preis, Förderpreis des Freistaates Bayern, 1985 ein Villa-Massimo-Stipendium, 1989 den Förderpreis der Berliner Akademie der Künste, 1990 Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig, sowie die Poetik – Professuren der Universitäten Bamberg (1993) und Tübingen (1999), u.v.a.m.