ZU NEUEN UFERN

Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

Goethe, Faust I

„Zu neuen Ufern“ ist in diesen Tagen ein gewagtes Motto. Zu eindrücklich sind die Bilder vom Scheitern der Überfahrt zum rettenden Ufer, von der Erfahrung, dass das Ufer nicht rettet, sondern nur der Beginn eines langen und beschwerlichen Weges ist, dass man dort, an den neuen Ufern, nicht willkommen ist. Bei Goethe fällt der Satz angesichts eines Giftfläschchens: Faust hofft auf neue Ufer nach dem Tod.

„Zu neuen Ufern“ ist auch der Titel eines deutschen Spielfilms von 1937, der Durchbruch von Zarah Leander und Willy Birgel. Die Nazis liebten diesen Film. Erst später wurde allgemein erkannt, dass Douglas Sirk hier sehr geschickt Kritik am Regime geübt hat: die „völkische Aufbruchstimmung“ zu neuen Ufern führt im Film in ein australisches Straflager. Die Bühnenkünstlerin Gloria (!) muss hier die Strafe für ein Verbrechen verbüßen, das sie statt ihres Geliebten auf sich genommen hat, um dessen Offizierskarriere nicht zu gefährden. Dieses Straflager ist eine eindeutige Anspielung an die Kzs. Und das ist hohe Kunst: die manipulierenden Bilder so zu manipulieren, dass es selbst die Zensur nicht bemerkt.

„Zu neuen Ufern“. Im Grunde ist das doch ein sehr schönes Bild von Aufbruch und Hoffnung.

Bilder prägen uns. Wir haben sie von uns selbst, von anderen, von der Welt. Und da alles in Bewegung ist, wäre es doch fatal, an ihnen festzuhalten. Man muss an ihnen arbeiten.

Ein Bild „von mir“, tausend Fotos, Portraits, Selfies. Doch wer steckt dahinter?

In unseren Maskenbild – Workshops haben sich die Teilnehmer unter professioneller Anleitung geschminkt. Maske als Makeup, als Versteck, als Entdeckung – Wunder, Wunden, Wirkungen. Und dann kommt dahinter ein Mensch hervor, eine Persönlichkeit. „So habe ich mich noch nie gesehen!“ In diesem Jahrbuch haben wir Bilder von diesen Verwandlungen. Auch das ist Theater!

Das Theater beschäftigt sich mit unseren Bildern. Es zeigt im Bühnenbild ein Menschenbild, mit den Bildern unserer Sprache hilft es uns, uns ein Bild von den Dingen zu machen.

Die Lust auf Bildung und Unterhaltung, auf Erbauung und Verstörung, Rührung und Schauer ließ die Bürger Ende des 19. Jahrhunderts neue Theater in ihren Städten bauen. Ein Hort der Kunst, eine Stätte gesellschaftlicher Ereignisse, ein Ort, der Identität und Gemeinsinn schaffen soll.

Eines dieser Theater entstand auch hier in Kempten.

Um die unabdingbaren Zutaten eines Theaterabends, Fantasie und Neugierde, zu entfachen und zu steigern, gab und gibt es den Theatervorhang, der zunächst das Bühnenbild verdeckt. Und der bietet im Theater Kempten ein geradezu legendäres Bild.

Auf meine Bitte an Gerhard Köpf, eine Geschichte zu diesem Vorhang zu schreiben, entstand seine „Ballade vom Kemptener Bühnenvorhang“. Sie schildert, wie schon vor der Eröffnung des Theaters das Theater begann. Was sich heute wie ein Schildbürger – Streich liest, zeigt doch wieder, wie das Spiel mit Anspielungen uns manipuliert. Je enger die Sichtweise, desto anfälliger wird man dafür.

Den Bühnenvorhang gibt es noch immer, doch nicht immer wird er heruntergelassen, denn auch ein früher Einblick macht neugierig. Schaut man ihn heute an, amüsiert man sich über die dargestellte Szenerie. Und mich zumindest rührt sie auch in ihrer Naivität und etwas ungelenken Darstellung. Die Zeiten ändern sich. Aber wie schön, dass es dieses Theater und diesen Vorhang noch gibt, und die Bürger von damals sich sozusagen selbst den Anstoß gaben, sich mit den Zeiten zu ändern. Und wie anders und selbstbestimmter stellen sich die Töchter der Stadt heute dar, zum Beispiel auf den Fotos in diesem Jahrbuch!

Also weiter! Auf zu neuen Ufern! Neugierig bleiben und offen!

In diesem Sinne

Ihre

Silvia Armbruster
Künstlerische Direktorin