Komm Ins Offene


Dr. Franz Tröger hat Meisterkonzerte im Stadttheater etabliert. Foto: Tröger

MIR FEHLT DER LOCKERE UMGANG MIT DER MUSIKALISCHEN KULTUR.

Dr. Franz Tröger

Dr. Franz Tröger ist am 30. Mai 2022 gestorben. Wir werden ihn und seine Expertise, seine unermüdliche Suche nach inhaltlich interessanten und künstlerisch hochwertigen Konzerten sehr vermissen.

An dieser Stelle möchten wir Ihnen noch einmal ein Gespräch mit Dr. Tröger vom November 2019 präsentieren, das Einblick in seine (musikalische) Gedankenwelt gab. Das Gespräch führte Hans Piesbergen

Dr. Franz Tröger, Programmkoordinator der MEISTERKONZERTE des T:K und Gründer des Kammermusikfestival CLASSIX, brachte mit Händels Oper RINALDO nicht nur eine ganze Oper mit erstklassigen Gesangssolisten und der berühmten, auf Originalinstrumenten spielenden Lautten-Compagney Berlin nach Kempten sondern vor allem eine Oper, die von historischen Marionetten durch die Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli aus Mailand dargestellt wird. Grund genug, wieder einmal ein hochinteressantes – und wie immer sehr humorvolles – Gespräch mit unserem Doyen zu führen.

Lieber Herr Dr. Tröger, einmal ganz pragmatisch gefragt: Wie entsteht Ihr Jahresprogramm und wie verlaufen Ihre Kontakte zu den Künstlern?

Im Zentrum steht für mich immer das Repertoire, also die Suche nach interessanten Stücken, nach weniger Gehörtem oder (in Kempten) noch nie Gehörtem. Und von mit mir befreundeten Künstlern weiß ich auch, was ich ihnen an neuem Repertoire zumuten darf. Wenn ich von einer*m mir noch nicht bekannten Künstler*in höre, dann schaue ich immer zuerst: WAS spielt sie*er? Und dann natürlich in der weiteren Folge auch, WIE. Danach gibt es Gespräche mit befreundeten
Künstler*innen „Kennst Du die*den?“, danach kommt dann der Kontakt zu den Agenturen usw.

Nehmen wir zum Beispiel das Meisterkonzert im Herbst 2019. Da ging es mir vor allem um das selten gespielte Werk von Karl Klingler, sein Violinkonzert. Das ganze Programm war ein Gesamtangebot mit Orchester, Dirigenten und vor allem dem Solist Noé Inui, den ich vorher gar nicht näher kannte. Da ich das Violinkonzert unbedingt haben wollte, habe ich mich genauer kundig gemacht und war von dem jungen Virtuosen so beeindruckt, dass ich alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, dieses Konzert zu bekommen. Nun war die Tournee ausverkauft, aber ich konnte es erreichen, dass wir einen Tag VOR der eigentlichen Tournee einen Termin bekamen. Es mussten dann halt alle einen Tag eher anreisen…

Viele Künstler*innen kennen Sie ja seit vielen Jahren. Wie verlaufen hier die Gespräche?

Das Schöne ist, wenn man, wie ich, Künstler länger kennt. Dann kann man sehr persönlich mit Ihnen sprechen und auch über Repertoirekonzepte diskutieren. Diesen Sommer habe ich beispielsweise bei den Musiktagen in Mondsee zufällig beim Frühstück im Hotel Christian Poltéra getroffen. Da ergibt sich dann ganz schnell ein Gespräch, das über das Persönliche hinaus geht. Man bespricht  Repertoirefragen, entwickelt gemeinsam konstruktiv Ideen, inspiriert sich gegenseitig. Selbstverständlich passe ich da sehr auf, dass das mit dem nötigen Respekt und Abstand geschieht, das „Heranwanzen“, die Penetranz schätzt niemand.

 

Christian Poltéra hat Franz Tröger zufällig bei den Musiktagen in Mondsee getroffen – und mit ihm über neue Pläne gesprochen © Neda Navaee

Sie sprechen also ganz direkt mit den Künstler*innen?

Von vielen, die ich länger kenne – Benjamin Schmid, das Auryn Quartett, Lisa Smirnova, Christian Altenburger, um nur einige aus der aktuellen Saison zu nennen – habe ich die Privatnummer und kann sie ganz direkt ansprechen. Mit den Agenturen ist es manchmal schwieriger. Manche Agenturmitarbeiter verstehen sich als Bollwerk gegen unbequeme Fans. (Dr. Tröger schmunzelt)

Das Meisterkonzert mit Benjamin Schmid und dem Kammerorchester Salzburger Orchestersolisten habe ich mit Benjamin Schmid direkt besprochen; auch hier konnten wir einen Termin finden, der direkt vor den Konzerten in Innsbruck, Salzburg und Wien liegt, und feiern so die „Premiere“ in Kempten.*)

 

Mit dem Geiger Benjamin Schmid verbindet Franz Tröger eine lange Freundschaft. © Wolfgang Lienbacher

Lieber Herr Dr. Tröger, kommen wir doch an dieser Stelle zum allernächsten Highlight dieser Saison: Händels Oper RINALDO im Stadttheater Kempten. Wie ist Ihnen das gelungen?

Das wird ein Höhepunkt, in mehrfacher Hinsicht: auf jeden
Fall künstlerisch, denn wir haben ein volles Orchester,
eines der besten seiner Art weltweit, im Orchestergraben, noch dazu
eines, das auf Originalinstrumenten der Händel-Zeit (18. Jahrhundert) spielt,
wir haben hervorragende Gesangssolisten – und wir haben eine außergewöhnliche
szenische Darstellung mit alten Marionetten. Aber bitte, das ist kein kleines
Puppentheater, diese Marionetten sind ungefähr ein Meter groß und werden von
acht bis zehn Marionettenspielern in sechs Ebenen bewegt. Das hat eine
Plastizität und Tiefe, unglaublich. Die Puppen haben auch nicht nur bewegliche
Gliedmaßen sondern bewegen auch den Mund zur Musik. Diese Puppenspieler aus
Mailand sind absolut meisterliche Künstler und Könner.

Als ich vor einigen Jahren zu einer Vorstellung der Copagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli nach Dornbirn eingeladen wurde, war ich sehr skeptisch, dachte, naja, ich kenne ja das Marionettentheater Salzburg und die Lindauer Marionettenoper. Und dann war ich von den Mailändern restlos begeistert, das ist einfach etwas komplett anderes, das hatte ich so einfach noch nicht gesehen.

Wie kam es dann jetzt zur Aufführung in Kempten?

Ganz ehrlich: ohne die wirklich sehr, sehr großzügige Unterstützung einer Mäzenin aus Kempten hätten wir es nie im Leben geschafft. Das sprengt finanziell unseren Rahmen bei Weitem allein durch die Anzahl der Mitwirkenden, die Transporte der heiklen Instrumente und Puppen mit dem speziellen Aufbau des großen Marionettentheaters. Solche Projekte schaffen sonst nur Festivals, beispielsweise die Händel-Festspiele Halle.

Ich habe der Dame also das Projekt vorgestellt – und innerhalb von 24 Stunden bekam ich den Anruf: „Das ist so toll, das machen wir, Sie haben meine Unterstützung.“ Die Dame möchte nicht genannt werden, aber wir alle sind ihr sehr, sehr dankbar.

Das also ist der zweite Höhepunkt von dem Sie sprachen?

Auf jeden Fall! Dieses persönliche Engagement ist einzigartig!

Der dritte Höhepunkt wird hinter der Bühne sein…

Ja, das Stadttheater kommt räumlich und logistisch komplett an seine Grenzen, denn so großzügig der Zuschauerbereich und die Foyers sind, so beengt ist es ja hinter der Bühne. Da werden die Mitarbeiter noch sehr zaubern müssen, um alle Mitwirkenden auch unterzubringen in Garderoben und Räumen zum Stimmen der Instrumente und zum Einsingen.

Ich räume schon mal vorsichtshalber mein Büro.

Das wird auch nötig sein!

Wollen Sie noch ein paar Worte zu Händel sagen?

RINALDO war seine erste Oper, nachdem er nach London übersiedelt war, und begründet seinen Ruhm als Bühnenkomponist. Er griff aber dabei durchaus auf älteres Material zurück. Beispielsweise werden Sie die Arie „Lascia ch’iopianga“ hören, die es davor schon als Instrumentalstück gegeben hatte und die später noch weiterverwendet wurde. Händel hat aber nicht nur bei sich selbst Anleihen genommen, sondern sich auch recht ungeniert beispielsweise bei Telemann bedient. Telemann hat teilweise seine Musikstücke als Subskription vertrieben. Vor einigen Jahren wurde eine Subskribentenliste mit dem Namen Händels gefunden. Nun dachte der Meister in London wohl, das würde in England niemandem auffallen, wenn er das ohne Quellenangabe verwerte… Also, heute…

… hätte er mehrere Prozesse am Hals.

(Wir lachen).

Lieber Herr Dr. Tröger, springen wir wieder zurück in unser Hier und Heute und sprechen wir über unser Publikum. Unsere
Meisterkonzerte sind hervorragend besucht und auch der Vorverkauf zu RINALDO läuft sehr gut. Allerdings gehen die Abonnementzahlen leicht zurück und der freie Verkauf steigt stetig an. Wie sehen Sie das?

Das klassische Abonnement verliert an Beliebtheit und damit Bedeutung. Die Menschen können und wollen sich nicht mehr so eng und früh binden, der Konzert- und Theaterbesuch wird immer mehr eine kurzfristige Entscheidung. Das macht es uns in der Programmgestaltung natürlich schwieriger, nicht nur aus finanziellen und kalkulatorischen Gründen sondern auch in der Verantwortung den Künstler*innen gegenüber, die teilweise weite Reisen unternehmen, um hier in Kempten zu spielen. Und wir wollen ja auch an neue Publikumsschichten heran. Aus diesem Grund suche ich ja auch hier inhaltlich neue Wege.

Der Abend mit Ulrich Tukur in der letzten Saison war ein – zum Glück gelungener – Versuch in diese Richtung. Sehen Sie, es gibt eben immer noch die Schwellenangst „Stadttheater“, das vielen Menschen in seiner architektonischen Schönheit Angst bereitet. Die Menschen fürchten sich vor den Ritualen der Kleidung, des Applauses, das Gesamtbild ist ihnen zu elitär. Da hat es die bigBOX leichter und kann so beispielsweise mit den Münchner Symphonikern einen viel größeren Saal füllen.

Dabei geht es immer nur um die Musik, um die Freude an der Musik und das musikalische Erlebnis.

Mir fehlt ungeachtet des Strebens nach bestmöglicher Qualität ein lockerer Umgang mit der musikalischen Kultur.

Das ist ein wunderbarer Anfang – kein Schluss! Vielen Dank.

*) Anmerkung des Interviewers: ein im angelsächsischen Sprachraum sehr gebräuchlicher Vorgang. Man probiert ein Konzert, ein Schauspiel, ein Musical in kleineren Städten aus, bevor man in die Metropolen geht. So haben alle was, davon: die kleineren Städte kommen in den Genuss außergewöhnlicher Künstler und diese haben einen kleinen Freiraum des
Ausprobierens.

Das Gespräch wurde im November 2019 geführt.